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Buchrezension: Die Volksgruppen in Europa

Von: Die Presse (Irene Miller)
Datum: 26.06.00
Uhrzeit: 07:31:06
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Vor kurzem wurde im Nationalrat in Wien ein neues Handbuch zu „Volksgruppen in Europa“ von Christoph Pan und Beate S. Pfeil präsentiert. Irene Miller, Journalistin der Tageszeitung „Die Presse“, verfaßte eine Rezension, die heute erschienen ist.

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Österreicher, Südtiroler, Deutschschweizer - Teile des deutschen Volkes?

Ein Handbuch über die Völker und Volksgruppen in Europa ist eine diffizile Sache: 80 europäische Völker leben in 36 Staaten mit mehr als einer Million Einwohnern und neun Kleinstaaten. Allein diese Zahlen weisen auf eine Minderheiten-Problematik in praktisch jedem Staat hin.

Schon die Aufzählung all dieser Völker wirft tausend Fragen auf. Und es ist sicher eine gewisse Schwäche des Bandes, daß sie nicht alle beantwortet werden - zum Beispiel: Wer sind die Pomaken? Wer die Aromunen? Warum heißen Albaner auch Arbaniten? Warum ist Englisch in Malta die ausschließliche Nationalsprache, obwohl die Leute dort Maltesisch reden? Und so weiter und so weiter. Nur: Würden alle diese Fragen beantwortet, müßte der Band mindestens doppelt so dick sein.

Dafür enthält er Karten der einzelnen Staaten, in denen die geographische Verteilung der Volksgruppen angegeben ist, und ausführliche Listen. Wie präzise diese sind, kann der Leser nur dort beurteilen, wo er mehr weiß als die Autoren, zum Beispiel bei den Deutschen in Slowenien. Während auf Seite 19 von 1000 Deutschen in Slowenien die Rede ist und auf Seite 157 dann von 745, fand der Grazer Historiker Stefan Karner Anfang 1999 in einer von Slowenien anerkannten Studie mindestens 1813 Angehörige der deutschsprachigen Volksgruppe in Slowenien.

Offen bleibt auch die Frage, warum in Deutschland, Österreich und einigen anderen Ländern zwar die Roma als Minderheit angeführt werden, nicht aber die Juden, obwohl sie in anderen Staaten durchaus Erwähnung finden.

Wirklich bedenklich ist die Klassifizierung der Österreicher, Südtiroler und Deutschschweizer als Angehörige des deutschen Volkes, nicht nur der deutschen Sprachgruppe - umso mehr, als zu den Kriterien für eigenständige Völker und Volksgruppen nicht nur sprachliche und kulturelle Merkmale gezählt werden, sondern auch der Wille, ihre Eigenart zu erhalten. (...)

Grundsätzlich werden die Minderheiten als hilflose Opfer der Mehrheitsvölker betrachtet - und meistens sind sie das ja auch. Allerdings zeigt das Beispiel der Iren, Basken oder einiger Volksgruppen auf dem Balkan, daß diese Einschätzung zu eng ist. Minderheiten brauchen manchmal nicht nur Schutz, um zu überleben, sondern auch, um nicht zu blutiger Gegenwehr gedrängt zu werden. Der Ausgangsbasis der Autoren kann aber zweifellos zugestimmt werden: "Der Nationalstaat in Form des mono-nationalen Staates war ein verhängnisvoller Irrtum der Geschichte. Er ist als gängigstes Modell für die staatspolitische Organisation in Europa theoretisch wie praktisch überholt."

Die Presse-online: http://www.diepresse.at


Stand: 26. Juni 2000