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"Minderheiten brauchen Medien" - Forderungspaket an Kanzler Schüssel übergeben

Von: News-Sevice     
Datum: 14.07.00
Uhrzeit: 11:45:34
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News

Minderheitenorganisationen: Forderungspaket an Bundeskanzler Schüssel übergeben

Anläßlich der Aufstellung der ersten zweisprachigen Ortstafel in Großwarasdorf, übergaben Vertreter der kroatischen Volksgruppe ein umfangreiches Forderungspaket an Bundeskanzler Schüssel:

"Empfehlungen der Minderheiten für eine bewusste und planende Medien- und Sprachenpolitik in Österreich"

Die österreichische Bundesregierung plant laut Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel bis 1.1.2001 die europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen zu ratifizieren. Dies wäre ein wichtiger Schritt in Richtung zeitgemäßer Minderheitenförderung.

Die Versäumnisse der Republik Österreich seit Unterzeichnung des Staatsvertrages von 1955/Artikel 7 sind enorm und haben den Volksgruppen sehr geschadet. Als Beispiel möchten wir nur die bis 1995 fehlende Regelung im Minderheitenschulwesen des Burgenlandes nennen. Einer ganzen Generation wurde die Möglichkeit einer geregelten zweisprachigen Bildung vom Kindergarten bis zur Matura vorenthalten. In jahrelanger Selbstausbeutung haben engagierte Volksgruppenangehörige, LehrerInnen, Pfarrer, GemeindevertreterInnen, Vereine und Eltern versucht, die fehlende staatliche Förderung durch Eigeninitiative aufzufangen. Die Assimilationspolitik bestimmter Gruppen (im Burgenland vor allem die des Sozialistischen Präsidiums der Bürgermeisterkonferenz bis Mitte der 80-er Jahre) wurde durch das Nicht-Eingreifen des Staates mangels fehlender gesetzlicher Bestimmungen und finanzieller Förderungen bewusst oder unbewusst gefördert oder zumindest zugelassen.

Die 70-er und 80-er Jahre waren geprägt vom steten Einsatz um die Minderheitenrechte. Die Umsetzung einiger Rechte musste zum Teil beim obersten Gerichtshof erkämpft werden (z.B. die Amtssprachenregelung im Burgenland), Volksgruppensendungen des ORF kamen erst nach jahrelangen Protesten. Erst die Gründung des Volksgruppenbeirates hat die Situation etwas entschärft. Nun gibt es ein Budget, das zwar viel zu gering ist, aber immerhin die Möglichkeiten eröffnet, Strukturen auf- und auszubauen.

Die zuletzt getroffenen Entscheidungen der Bundesregierung (Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln im Burgenland, Staatszielbestimmung) weisen in die richtige Richtung. Anderseits müssen die Volksgruppen Budgetkürzungen hinnehmen, die einer Arbeit zum Wohle der Volksgruppen und ihrer Integration entgegenwirken: Kürzungen des BMUK-Budgets treffen die Erwachsenenbildung, die außerschulische Jugenderziehung genau so wie die Herausgeber von Literatur oder Unterrichtsmaterialien. Die bevorstehende Anhebung der Posttarife bedroht die Verbreitung der Minderheitensprachen. Das (zwar nicht gekürzte) Budget für Volksgruppen reicht für diese Bereiche leider bei weitem nicht!

Die drohende Schließung des mehrsprachigen Radios auf Antenne4 behindert die Meinungsäußerung junger Volksgruppenangehöriger. Der integrative Ansatz, Romanes, Kroatisch und Ungarisch zu einem alltäglichen Hörerlebnis zu machen und damit das Image der Sprachen bei den Jungen zu heben, wäre dahin.

Wenn die österreichischen Volksgruppen und ihre Sprachen nur den Funken einer Überlebenschance haben wollen, müssen umfassende, zeitgemäße Maßnahmen getroffen werden, die sämtliche Bereiche des öffentlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Daseins der Volksgruppen abdecken:

Kindergarten – Schule – außerschulische Jugenderziehung - Erwachsenenbildung – Ämter –Wirtschaft - Print- und Funkmedien

Konkrete Schritte für eine effiziente Minderheitenpolitik:

Kindergarten:

in einer modernen mobilen Gesellschaft sind einsprachige Ehen bereits eine Seltenheit; eine konsequente zweisprachige Erziehung im Kindergarten ist gefordert; diese kann nur durch zwei KindergärtnerInnen nach dem Prinzip „one person one language“ erfolgen (europ. Beispiele beweisen das; auch der zweisprachige Kindergarten im Kroatischen Zentrum in Wien!)

Schule:

im Pflichtschulbereich ist ebenso eine konsequente Zweisprachigkeit erforderlich; die Ausbildung in Zwei- und Zweitsprachpädagogik ist zu verbessern; Herstellung von Unterrichtsmaterialien sollte institutionalisiert werden; Herstellung von Kinder- und Jugendliteratur, CD´s, CD-Rom etc.

AHS:

neben dem zweisprachigen Volksgruppengymnasium in Oberwart soll die Möglichkeit eröffnet werden, auch im Mittel- und Nordburgenland an bestehenden AHS zweisprachigen Unterricht bis zur Matura erteilen zu können (Oberpullendorf/Eisenstadt)

Außerschulische Jugenderziehung/Erwachsenenbildung: Förderung kultureller Tätigkeiten oder Einrichtungen, die darauf abzielen, Kenntnis und Gebrauch von Minderheitensprachen im Freizeitbereich zu fördern

Ämter:

Einführung zweisprachiger Formulare; zweisprachige Dienstleistungen auf Ämtern sicherstellen; Herausgabe von Gesetzestexten und Verlautbarungen in Minderheitensprachen Recht auf Originalschreibweise von Namen in Minderheitensprachen Verpflichtung der Kulturzentren, Bibliotheken und subventionierten Veranstaltern, Minderheitenliteratur und Kunst zu berücksichtigen

Wirtschaft:

Förderung von Betriebsansiedlungen in zweisprachigen Gebieten; Förderungen von Betrieben, die zweisprachige Angebote, Aufschriften, Produktbeschreibungen, Beipackzettel etc. anbieten

Medien:

Erfüllung wesentlicher Punkte aus dem Maßnahmenkatalog des Artikels 11 der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen:

· Errichtung und Erhaltung eines Hörfunksenders und eines Fernsehkanals ( oder zumindest täglicher Ausstrahlung von Fernsehsendungen für Kinder und Jugendliche, sowie Einbindung von Beiträgen in Minderheitensprachen in die bestehenden Tagesberichterstattungen am Abend) im öffentlich rechtlichen Bereich in Kärnten und im Burgenland

· Vertretung von Minderheiten in den Gremien des ORF und der Regionalradiobehörde

· Förderung privater Radioanbieter, die in Minderheitensprachen senden

· Förderung der Ausbildung zweisprachiger JournalistInnen

· Schaffung und Erhaltung mindestens einer Tageszeitung für Minderheiten

· Deckung der zusätzlichen Kosten, die den Medien durch regelmäßige Veröffentlichung von Zeitungsartikeln in Minderheitensprachen entstehen

· Förderung von Produktionen audio- und audiovisueller Werke in den Minderheitensprachen und deren Verbreitung

· Förderung des Einsatzes neuer Technologien

· Förderung eines Volksgruppenverlages für die burgenländischen Volksgruppen

· Schaffung und Förderung wissenschaftlicher Institutionen, die sich mit der Systematisierung, Sammlung, Übersetzung und Terminologieforschung der Minderheitensprachen beschäftigen


Stand: 14. Juli 2000