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Nur noch Minderheiten in Kalifornien - Vielfalt auf dem Vormarsch

Von: Stuttgarter Zeitung/Hintergrundbericht
Datum: 08.09.00
Uhrzeit: 09:05:50
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News

Die USA sind ein Land von Einwanderern und die Neu-Amerikaner verändern das Gesicht der Nation. Sichtbar wird das am dramatischsten in Kalifornien, mit 33 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA.

Kalifornien hat den Ruf des Trendsetters für den großen Rest des Landes. Die jüngste Volkszählung zeigt, dass er zu Recht besteht. Seit langem wird vorausgesagt, dass die Weißen in den Vereinigten Staaten auf dem Wege sind, ihren absoluten Mehrheitsstatus zu verlieren. In Kalifornien ist die Prognose bereits Wirklichkeit. Inzwischen ist der Bevölkerungsanteil der Weißen unter 50 Prozent gesunken: 49,9 Prozent. Das kam in der Geschichte des Staates erst einmal vor: 1860. Zwölf Jahre zuvor war in Kalifornien Gold entdeckt worden.

"Ich hoffe, dass wir alle in unserer ethnischen Vielfalt einen Grund zum Feiern sehen und nicht einen Grund zur Besorgnis'', sagt der Vizegouverneur des drittgößten Bundesstaates. "Wenn es keine Mehrheit mehr gibt, gibt es auch keine Minderheiten. Vielleicht können wir uns jetzt alle Kalifornier nennen.'' Lieutenant Governor Cruz Bustamante ist Demokrat und der Latino von höchstem Rang in Kalifornien.

Es sind in erster Linie Latinos, die für die Bevölkerungsentwicklung verantwortlich sind. Ihr Anteil ist in den letzten zehn Jahren um mehr als ein Drittel auf 10,5 Millionen gestiegen. Jeder dritte Kalifornier ist also "Hispanic''. Einen noch größeren Sprung als die Latinos haben die Asiaten gemacht. Ihr Anteil stieg zwischen 1990 und 1999 um 36 Prozent. Aber sie stellen damit "nur'' knapp zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung Kaliforniens. Die Schwarzen, die im ganzen Land mit zwölf Prozent die größte Minderheit sind, liegen in Kalifornien trotz Zuwachs bei unter sieben Prozent.

In Kalifornien haben sie sich in den neunziger Jahren dagegen aufgebäumt. Sozialleistungen für illegale Einwanderer wurden gestrichen, der zweisprachige Schulunterricht wurde abgeschafft. Aber Kaliforniens Wirtschaft boomt, und das Kindermädchen aus Lateinamerika und der Software-Experte aus Asien sind jetzt willkommen. Zumal sich ihre schnell wachsende Zahl an der Wahlurne sehr viel langsamer bemerkbar macht. Denn nur Staatsbürger dürfen wählen, das Finanzamt aber profitiert von Immigranten mit und ohne Urkunde in der Tasche.

Immerhin: nicht nur der Vizegouverneur ist Latino, sondern auch zwei der Bewerber um den Posten des Bürgermeisters von Los Angeles, der zweitgrößten Stadt in den USA, sind Hispanics. In San Francisco ist der Polizeichef und sind die Leiter der Schlüsselbehörden asiatischer Herkunft. Die politische Landschaft verändert sich also. Nicht in den Staaten des Mittelwestens oder in Idaho und Colorado, wo die Weißen mehr oder weniger unter sich sind; wohl aber in den "Gateway''-Staaten, die als Eingangstor für Immigranten gelten, wie Kalifornien, Florida, Texas und die Staaten im Nordosten. Das Herzland bleibe weiß und werde älter, die Schmelztiegel würden jünger, kulturell lebendiger und multiethnisch, sagen Demografen voraus. Wählerblöcke würden sich in einem Vierteljahrhundert weniger an der Rasse orientieren als an Klasse, Einkommen und Region.


Stand: 08. September 2000