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Der lange Weg zur Anerkennung - Katalanen fühlen sich in Spanien nicht mehr als Minderheit

Von: Dolomiten-Online
Datum: 13.09.00
Uhrzeit: 08:07:03
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Die Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ bringt in ihrer heutigen Ausgabe ein Interview mit dem Historiker und Politikwissenschaftler Marti Grau Segú aus Barcelona über die aktuelle Situation der Katalanen im Nordosten Spaniens.

"Dolomiten": Was unterscheidet die Autonomie Kataloniens von der in Südtirol?

Marti Grau Segú: In Katalonien kann man erst mit Ende der 70er Jahre von einer Autonomie sprechen. Bis zum Tod von General Franco 1975 wurde unsere Kultur unterdrückt, so musste etwa Katalanisch heimlich unterrichtet werden. Heute allerdings spricht ein Großteil der spanischen Bevölkerung katalanisch und nimmt unsere Kultur an.

"D": Dann hat das Katalanische heute die Überhand?

Grau Segú: Rund um Barcelona gibt es zwar Stadtteile, in denen bis zu 90 Prozent Zuwanderer aus dem restlichen Spanien leben, und dementsprechend überwiegt dort das Spanische, aber generell gibt es sehr viele gemischte Ehen, und knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung von zwölf Millionen spricht heute katalanisch.

"D": In der Schule wird das Katalanische also auch besonders gefördert?

Grau Segú: Im Unterschied zu Südtirol haben wir eine einheitliche Schule, in der es vom Lehrer abhängt, ob er mehr Katalanisch oder Spanisch unterrichtet. Im Normalfall werden je zur Hälfte beide Sprachen verwendet. Berücksichtigt man, dass das Katalanische erst wieder seit 25 Jahren öffentlich gebraucht werden kann, ist die soziale Stellung der Sprache in der Gesellschaft sehr hoch. Der Gebrauch des Katalanischen in der Schule trägt stark dazu bei.

"D": Wie ist der Sprachgebrauch bei Gericht?

Grau Segú: Bei uns müssen die Richter nicht zweisprachig sein oder obligatorisch katalanisch verhandeln. Die meisten Parteien verwenden Spanisch, weil es den Prozess beschleunigt. Aber viel wichtiger ist, dass wir Katalanen uns nicht als Minderheit fühlen. Es gibt einen großen sozialen Konsens unter der Gesamtbevölkerung, und die Zugehörigkeit zu Spanien ist eigentlich unumstritten. Verteilungsschlüssel wie der ethnische Proporz sind daher nicht nötig. Eine wichtige Rolle spielt dafür die Akzeptanz der Rechtsordnung und somit auch des Gesamtstaates. Mit der Übertragung ausgehandelter Kompetenzen von Madrid nach Barcelona wie Öffentliche Ordnung und Sicherheit konnte diese Akzeptanz der Katalanen gegenüber dem spanischen Staat erreicht werden.

"D": Welche Kompetenzen sind das?

Grau Segú: Um noch einen wichtigen Unterschied zu Südtirol zu nennen - die Polizei. Es gibt vier Typen von Sicherheitskräften in Spanien, wovon bereits zwei, die lokale und regionale Polizei, katalanisch sind. Künftig wird auch die Finanzhoheit angestrebt. Ein weiteres Bestreben ist die politische Anerkennung der katalanischen Nation.

"D": Heißt das eine Loslösung von Spanien?

Grau Segú: Keineswegs, im Gegenteil: Das heißt eine stärkere Einbindung. Wir Katalanen möchten einen spanischen Bundesstaat, in dem wir als gleichberechtigte Partner in Madrid mitentscheiden. So hat die zweite Kammer des Senats, die Länderkammer könnte man sagen, fast keine Befugnisse. Die Aufwertung des Senats und der Gebrauch des Katalanischen im Parlament wären ein Schritt in diese Richtung.


Stand: 13. September 2000