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Die Provinz Vojvodina fordert Autonomierechte innerhalb eines föderalen Serbien

Von: Tagblatt (CH)
Datum: 20.10.00
Uhrzeit: 09:00:41
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Nicht nur Montenegro, auch die serbische Provinz Vojvodina drängt nach dem Ende der Milosevic-Ära auf mehr Autonomie von Belgrad. Jugoslawiens ehemalige Kornkammer will künftig das eigene Geld selber verwalten. Von 1974 bis Ende der 80er-Jahre war die Vojvodina wie Kosovo eine autonome Provinz Serbiens und den anderen jugoslawischen Republiken praktisch gleichgestellt. Slobodan Milosevic entmachtete zu Beginn seiner Laufbahn nicht nur die Behörden der albanischen Mehrheit in Kosovo. Er unterwarf auch die Vojvodina.

«Wir waren neben Slowenien einst die reichste Region im alten Jugoslawien», erinnert sich Nenad Canak, Oppositionsführer aus der Vojvodina. Noch 1996 habe die Vojvodina Serbiens Budget knapp zur Hälfte finanziert. In die Gegenrichtung floss weniger als ein Prozent der staatlichen Mittel. In der Vojvodina liegen Serbiens einzige Ölfelder. Hier gedeihen zudem Weizen, Mais, Sonnenblumen, Soja und Zuckerrüben. Ohne Vojvodina wäre es in Serbien unter den internationalen Sanktionen zu Hungerrevolten gekommen. Nach 13 Jahren Milosevic sind jedoch viele Böden ausgelaugt. «Wir produzieren heute viermal weniger als noch vor 15 Jahren», sagt Nenad Canak.

Die Vojvodina musste zudem den Grossteil der serbischen Flüchtlinge aufnehmen, die nach den verlorenen Kriegen Milosevics ins «Mutterland» strömten. Etwa 400 000 vertriebene Serben aus Bosnien und Kroatien hat Belgrad in der Vojvodina angesiedelt. Natürlich sollte damit auch die Vormacht der Serben in der ethnisch gemischten Region gefestigt werden. Vor allem Ungaren und Kroaten, Angehörige der grössten Minderheiten, haben im Gegenzug die Vojvodina verlassen.

Die Vojvodina brauche wieder ihre eigene Regierung, Verfassung und eigene Gerichte wie nach 1974. Nenad Canak wirbt für eine Republik Vojvodina, als Teil eines föderalen Serbiens. Mit einem ähnlichen Status, glaubt der Parteiführer aus Novi Sad, könnte auch Kosovo eingebunden werden. «Wir sind nicht für die Sezession von Serbien, sondern für eine Neudefinierung unserer gegenseitigen Beziehungen.» Laut Umfragen fordern jedoch etwa 20 Prozent der Vojvodina-Bevölkerung die Unabhängigkeit von Belgrad.


Stand: 20. Oktober 2000