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Staatspräsident Mesic: Kroatien will normale Beziehungen mit Belgrad

Von: Berliner Zeitung
Datum: 27.10.00
Uhrzeit: 08:41:10
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News

Nach dem Sturz des jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milošević erwartet Kroatien die Normalisierung seiner Beziehung mit dem einstigen Kriegsgegner. Sein Land knüpfe dies jedoch an Bedingungen, sagte der kroatische Präsident Stipe Mesić am Donnerstag der "Berliner Zeitung": "Es reicht nicht aus, dass Serbien nur Abschied von Milošević nimmt. Serbien muss auf transparente Art und Weise Abschied nehmen von der Politik des Milošević-Regimes."

Dazu gehörten die Einführung europäischer Demokratiestandards ebenso wie die Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher an das UN-Tribunal in Den Haag, sagte Mesić, der sich am Donnerstag zu seinem Antrittsbesuch in Deutschland aufhielt. Einer der Auszuliefernden sei Slobodan Milošević. Kroatien habe mit seinem vor kurzem erlassenen Gesetz über die eigene Zusammenarbeit mit dem UN-Tribunal ein Beispiel gegeben.

Jugoslawiens neuer Präsident Koštunica müsse zudem deutlich machen, dass jene Serben, die in Kroatien lebten oder dahin zurückkehren wollten, in Zukunft nicht mehr als Vorwand genutzt werden, um gegen Nachbarn aggressiv vorzugehen und Ansprüche auf "fremdes Territorium" zu erheben. Auslandsserben sollten vielmehr als "Brücke für eine Zusammenarbeit" dienen. Indirekt verlangte Mesić zudem eine Entschuldigung der neuen jugoslawischen Staatsspitze für die Verbrechen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien: "Tatsache ist, dass Milošević alleine die Gräuel nicht begehen konnte. Die Bürger Serbiens haben ihn gewählt und sein Regime unterstützt. Daher wäre es ganz normal, wenn sie sich bei all den Opfern der Aggression von Milošević entschuldigen."

Nach seinem Gespräch mit Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder zeigte sich Mesić überzeugt, dass die internationale Hilfe für Serbien nicht auf Kosten Kroatiens gehen werde: "Solche Ängste muss man nicht haben." Bekomme Serbien Geld, könne das auch "eine schnellere Entwicklung seiner Nachbarn ermöglichen", sagte er.

Mesić äußerte die Hoffnung, dass Koštunica an dem EU-Balkan-Gipfel teilnehmen wird, der für den 24. November in der kroatischen Hauptstadt Zagreb geplant ist. Dort sei Gelegenheit, strittige Fragen zu klären. Mesić begrüßte es, dass Koštunica im Gegensatz zu Milošević offenbar nicht der Auffassung ist, die heutige Bundesrepublik Jugoslawien sei alleinige Rechtsnachfolgerin des zerfallenen Jugoslawien. Das mache es leichter, über die Aufteilung des einst gemeinsamen Eigentums zu verhandeln. Seit Beginn der Jugoslawien-Kriege Anfang der 90er-Jahre streiten die Nachfolgestaaten um die Verteilung von Devisen auf ausländischen Bankkonten, um die Goldreserven Jugoslawiens sowie um die früher gemeinsam genutzten Immobilien im Ausland.


Stand: 27. Oktober 2000