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Verstorbener Präsident Kroatiens Tudjman durch Tonbänder als Kriegsverbrecher belastet

Von: ORF-Hrvatska Redakcija/Kurier/NZZ
Datum: 02.11.00
Uhrzeit: 08:18:20
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Der frühere kroatische Präsident Franjo Tudjman war nach einem Bericht der britischen Tagenszeitung "The Independent" in Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina verwickelt. Dies gehe aus Tonbandaufzeichnungen und Protokollen seiner Gespräche mit Ministern und Mitarbewitern hervor, die Tudjman selbst habe anfertigen lassen, berichtete die Zeitung am Mittwoch nach angaben der Deutsche Presse-Agentur.

Der heutige kroatische Präsident Stipe Mesić habe dem britischen Fernsehsender Channel 4 die Verwertung dieser Bänder gestattet. Außerdem habe Mesić Kopien der Protokolle an das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag weitergegeben. Der stellvertretende Chefankläger des Tribunals, Graham Blewitt, wurde vom "Independent" mit den Worten zitiert, würde Tudjman noch leben, wären die Bänder ein wichtiges Beweismaterial gegen ihn. "Ich bin zuversichtlich, dass wir seine Verantwortung für die begangenen Verbrechen nachweisen könnten", sagte er. Es geht dabei vor allem um das 1993 von kroatischen Truppen begangene Massaker in dem Dorf Ahmici, bei dem über 100 moslemische Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden.

Der kroatische General Tihomir Blaškić wurde dafür im März dieses Jahres vom Tribunal in Den Haag zu 45 Jahren Haft verurteilt. Die Mitschnitte geben den Angaben zufolge unter anderem wieder, wie Tudjman am 13. April vergangenen Jahres darüber informiert wurde, dass das Tribunal einen seiner Generäle als Zeugen nach Den Haag geladen hatte. Tudjman sagte demnach: "Ok, wenn er gehen und bezeugen kann, dass keine unserer kroatischen Einheiten in der Gegend waren, dann kann er gehen... Aber sonst nichts."

Tudjman habe fast alle Gespräche in seinem Büro aufgenommen, weil er glaubte, dass von seinen "historischen Worten" nichts verloren gehen dürfe. Die Mitschnitte bestätigen demnach auch die Aussage des früheren Vorsitzenden der britischen Liberaldemokraten, Paddy Ashdown, als Zeuge vor dem Tribunal: Tudjman habe sogar nach dem 1995 geschlossenen Friedensvertrag von Dayton noch immer die Aufteilung Bosniens zwischen Kroatien und Serbien geplant.

Weiter zeigen die Tonbänder nach Angaben des "Independent", dass Tudjman umgerechnet etwa eine Milliarde Pfund (1,72 Mrd. Euro/23,7 Mrd. S) auf die Seite schaffen ließ. Präsident Mesić versuche nun, die Konten mit den Geldern ausfindig zu machen.


Stand: 02. November 2000