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Straßburg will zu einem Zentrum für die Erhaltung der jiddischen Sprache werden

Von: Badische Zeitung (D)
Datum: 13.11.00
Uhrzeit: 08:00:18
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Die Stadt Straßburg rief zum jiddischen Gipfel. Fünf Tage lang war jiddische Musik zu hören, Theater zu sehen, waren Vorträge zu diskutieren. Professionell und gelungen war der Auftakt zu einem jährlichen jiddischen Festival.

Das Jiddische hat solche Initiativen dringend nötig. Eine Alltagssprache für einst elf Millionen Sprecher in aller Welt hat sich nach dem Holocaust in eine Sprache verwandelt, die oft nur noch von Liebhabern und auf Festivals gesprochen wird. Heute sind es noch zwei Millionen Menschen, die Jiddisch können, in Israel ist Hebräisch die offizielle Sprache. „Wir sammeln die Reste auf, mit größten Anstrengungen und Schmerzen“, sagte Emanuelis Zingeris, Mitglied des Europarats, der seine Tore für das Kolloquium geöffnet hatte.

Jiddisch entwickelte sich ursprünglich im deutschen Sprachraum, die aschkenasischen Juden verbreiteten diese Sprache über einen großen Teil Europas und seit dem späten 19. Jahrhundert in alle Welt. Diese Mischsprache, die anfangs aus deutschen und hebräischen Elementen bestanden hatte, nahm im Laufe der Zeit viele slawische Sprachelemente auf. Doch obwohl das Jiddische in Europa entstanden ist, gibt es hier kein kulturelles Zentrum mehr.

Professoren, Journalisten, Künstler und Pädagogen suchten in Straßburg nun nach Möglichkeiten, wie das Jiddische in der Zukunft überleben könnte. Dabei geht es nicht nur um die Sprache, die bedroht ist: Mit den Sprechern des Jiddischen verliert sich auch die sogenannte Jiddischkeit samt ihrer moralischen und ethischen Werte sowie ihrer kulturellen Vielfalt – von den Volksliedern bis zum Theater. Befürchtungen wurden in Straßburg laut, das Jiddische würde nur noch in akademischen Kreisen weitervermittelt.

Viele Sorgen, die in diesen Tagen formuliert wurden, erinnerten an andere Diskussionen um die Bewahrung der Sprachen von Minderheiten. Doch mit den Problemen des Korsischen oder Elsässischen sind die des Jiddischen nur schwer zu vergleichen: Es begrenzt sich nicht auf einen Landstrich, sondern findet sich in der ganzen Welt. Das macht es schwierig, Menschen für den Erhalt zu mobilisieren und dafür auch administrative und finanzielle Unterstützung zu finden.

Um in einigen Jahren überhaupt noch zu wissen, wie umfangreich der jiddische Wortschatz ist, arbeiten Wissenschaftler an einem großen Lexikon mit 250 000 Einträgen. Sie suchen nach Wörtern, die in jiddischen Dialekten von Nordafrika bis ins Elsass gesprochen werden und wurden. Dieses Projekt mit Sitz in Jerusalem leidet jedoch unter finanzieller Not. „Die amerikanische Regierung wollte das Projekt nicht weiter unterstützen, auch in Israel interessiert es keinen“, sagte Wolf Moskovitz von der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Aber „Jiddisch darf sich nicht in Museen und in Archive zurückziehen“, erklärte Mitorganisator Rafael Goldwaser. Für ihn zeigte der Gipfel auch die Kluft zwischen den Generationen. Klagende Rednerbeiträge älterer Teilnehmer blieben ihm zu oft unkonkret: „Natürlich darf das, was gewesen ist, nicht vergessen werden. Aber zuviel Weinen und Klagen verstellt uns auch die Suche nach Neuem.“

Straßburg spendiert für diese neuen Wege Räume: Im Herbst 2003 soll inmitten der Stadt das Europäische Zentrum jiddischer Kulturen eröffnet werden, in dem Kontakte gebündelt, Jiddisch gelehrt, Forschungen betrieben werden und in dem das Festival organisiert wird. Langfristig sollen professionelle Schauspieler mit der Jiddischkeit und der ihr eigenen Körpersprache vertraut gemacht werden; schon gibt es Träume von internationalen Tourneen und von einem im Elsass fest etablierten jiddischen Theater.


Stand: 13. November 2000