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Diskussion im Burgenländisch-kroatischen Zentrum: Wie tolerant sind Bosniens Moslems?

Von: Die Presse
Datum: 18.11.00
Uhrzeit: 10:32:33
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News

"Konfessionalität und Nationalität Bosnien und Herzegowinas". Dieses Thema stand im Mittelpunkt einer hochrangigen Diskussionsrunde in Wien. Organisiert wurde die Veranstaltung vom bosnisch-kroatischen Kulturverein „Napredak“ und dem Burgenländisch-kroatischen Zentrum.

"Ich bin traurig, daß immer wieder versucht wird, den bosnischen mit dem orientalischen Islam in einen Topf zu werfen", erwiderte der aus Bosnien stammende Islam-Experte Professor Smail Balić auf den Vorwurf, der Islam sei intolerant.

Bosniens Moslems seien aufgeklärter als die anderen Volksgruppen. Das hätten auch die jüngsten Parlamentswahlen bewiesen, erklärte Balić: Während bei Bosniens Serben und Kroaten Nationalisten siegten, feierten bei den Moslems die multiethnischen Sozialdemokraten einen Erfolg.

Balićs Behauptung, daß Bosnien während der Osmanen-Herrschaft ein "Musterbeispiel an religiöser Toleranz" gewesen und niemand mit Zwang islamisiert geworden sei, blieb jedoch nicht unwidersprochen. Universitätsprofessor Arnold Suppan vom Institut für Osteuropäische Geschichte wies auf die kriegerische Vergangenheit in Bosnien hin.

Auch die Islamisierung sei nicht immer friedlich vonstatten gegangen. Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen in Bosnien habe es bis in die jüngste Geschichte gegeben, so etwa auch im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, in dem auf bosnischem Boden parallel vier bis fünf Kriege ausgefochten worden seien, sagte Suppan.

"Die Toleranz war unter den Osmanen nicht immer so glänzend", sagte auch der Historiker Srečko-Mato Džaja. Zur Aufarbeitung der gewalttätigen Vergangenheit meinte Džaja: "Im bosnischen Volk gibt es nicht zuviel Geschichte, sondern zuwenig kritische Geschichte."


Stand: 18. November 2000