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Ethnisches Zusammenleben in Bosnien: Gemeinsamkeiten mußten immer erst verordnet werden

Von: BernerZeitung
Datum: 22.11.00
Uhrzeit: 07:54:07
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Was verbindet Bosnien-Herzegowina fünf Jahre nach Kriegsende? Die Nationalisten hätten die «ethnischen Autoschilder» aus dem Krieg am liebsten beibehalten. Sie erlaubten, auf den ersten Blick zu erkennen, zu welcher Volksgruppe der Fahrzeuglenker gehört. Wolfgang Petritsch, der Hohe Repräsentant und Bosniens heimlicher Gouverneur, musste die einheitlichen Zulassungsschilder durchsetzen. Es war auf den ersten Blick ein kleiner Schritt, doch ein grosser für die bosnische Bevölkerung. Die «neutralen» Schilder waren Voraussetzung für die Bewegungsfreiheit.

Auch die Diskussionen über Design und Namen einer gemeinsamen Währung schleppten sich endlos dahin, bis Petritsch ein Machtwort sprechen musste. Der sperrige Namen deutet es an: Die «konvertible Mark» ist ein Kunstprodukt. Die ans deutsche Vorbild gebundene Landeswährung hat sich jedoch durchgesetzt, da sie stabil ist und das Leben der Bürger einfacher macht.

Jeder Staat braucht eine Flagge. In Bosnien wollte aber keine der politischen Führungen der drei Volksgruppen auf ihre Fahne verzichten. Die Fahne mit den gelben Sternen und dem blauen Dreieck ist ein Produkt aus der Retorte und musste von der Protektoratsbehörde verfügt werden. Aber immerhin weht das Stück jetzt an den Grenzübergängen, neben der Fahne der jeweiligen Volksgruppe.

Auch der gemeinsame Pass musste aufoktroyiert werden. Den nationalen Eliten war es schliesslich egal, ob die Menschen im geteilten Staat reisen konnten oder nicht. Noch am Wahltag (11. November) hat der Hohe Repräsentant ein landesweites Verwaltungsgericht verfügt und gleichzeitig die zwei rivalisierenden Pensionskassen der Muslime und der Kroaten in der Föderation angewiesen, sich zusammenzuschliessen.

Ginge es also nach den Politikern der nationalen Parteien, gäbe es heute noch weit weniger Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten im geteilten Land.


Stand: 22. November 2000