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Polen in Bremen - eine übersehene Minderheit

Von: Weser Kurier (D) - (Hintergrundbericht)
Datum: 28.11.00
Uhrzeit: 09:09:29
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Offiziell ist sie gar nicht existent, die polnische Minderheit in Deutschland. Doch mehr als 260.000 Menschen mit polnischem Pass leben in der Bundesrepublik, und die Zahl derer, die sich zur polnischen Kultur bekennen, ist noch erheblich größer. Die Botschaft Polens schätzt sie auf etwa 1,5 Millionen. Wo liegt also die Ursache dafür, dass diese Gruppe übersehen wird?

Bremer Uni-Wissenschaftler des Studiengangs Kulturgeschichte Ost- und Mitteleuropas sind dieser Frage nachgegangen und konzentrierten sich dabei auf die Situation in Bremen. Die Ergebnisse wurden jetzt während einer gemeinsam mit dem Kooperationsbereich Universität-Arbeiterkammer organisierten Tagung zum Thema "Polen in Bremen – eine unsichtbare Minderheit?" präsentiert.

"Die Migranten aus Polen bilden in Deutschland die zweitgrößte Einwanderergruppe, und doch wird der Begriff Minderheit offiziell nicht benutzt, weil man diese Migrationsprozesse größtenteils unter dem Aspekt Aussiedler betrachtet", erklärt der Soziologe Zdzislaw Krasnodebski. Doch der juristische Status sei nicht automatisch mit der nationalen Identität gleich, meint er. Dass Tausende von diesen Deutschen auch einen polnischen Pass besitzen (sie mußten ihn nicht abgeben), werde von den offiziellen Stellen einfach ignoriert.

So ist es schwer zu sagen, wie deutsch oder wie polnisch diese Menschen sind. In Bremen leben rund 5000 polnische Bürger, und die mit polnischer Abstammung werden auf etwa 30000 geschätzt. Hier sieht Krasnodebski eine große Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der sozialen Realität. "Es ist eine soziologische Fiktion, davon auszugehen, dass diese Menschen alle deutsch sind." Die Untersuchungen hätten bewiesen, dass die scheinbar erfolgreiche Assimilation, um die sich in den vergangenen zwanzig Jahren beide Seiten – Politiker und Betroffene – bemühten, negative Auswirkungen hervorgerufen habe. "Die gut gemeinten Mühen, die polnische Kultur abzulegen, lösten bei vielen Aussiedlern Identitätsprobleme, Ängste und nicht selten Persönlichkeitsspaltung aus", weiß der Soziologe.

Erst der Vertrag von 1989 über die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern, der Menschen polnischer Abstammung kulturelle Rechte garantiert, habe manche Unsicherheiten ausgeräumt. Seit 1995 wird in Bremer Schulen Polnisch als Muttersprache unterrichtet. Es ist ein erfolgreiches Modellprojekt, an dem zur Zeit 250 Kinder und Jugendliche teilnehmen.

Die Popularität des Unterrichts zeugt von Veränderungen im Bewußtsein der Migranten. Während man noch vor 20 Jahren in vielen Aussiedlerfamilien Wert darauf legte, mit den Kindern nur Deutsch – wenn auch gebrochenes – zu sprechen, schicken die heutigen Ankömmlinge aus Polen mit dem deutschen Pass ihren Nachwuchs öfter zum Polnischunterricht. "Die zunehmenden Begegnungen zwischen Bürgern unserer Länder, aber auch die wachsende Attraktivität Polens wirken sich postiv auf den Sprachunterricht aus", erklärt Werner Willker vom Bildungssenator. Mittlerweile überlege man sogar, Wirtschaftspolnisch anzubieten.

Sprache und Religion als die beiden stärksten identitätsbildende Faktoren wurden von den Bremer Wissenschaftlern besonders genau untersucht. "Sie spielten in der polnischen Geschichte stets eine wichtige Rolle", erklärt die Soziologen Nele Krampen und weist als Beispiel auf die Zeiten der Teilungen Polens in den Jahren 1772 – 95 hin, als der polnische Staat zeitweise ganz von der Landkarte verschwand.

Auch heute sind die meisten Migranten aus Polen aktive Katholiken. Durch ihren Zuzug stieg die Besucherzahl in Bremer Kirchen deutlich. Viele gehen aber in den polnischen Gottesdienst, auch wenn sie Deutsche sind. Die Befragungen in der Polnischen Katholischen Mission ergaben, dass über 75 Prozent der Gottesdienstbesucher einen deutschen Pass besitzen, und bei 94 Prozent wird zu Hause Polnisch gesprochen. "Es wäre wünschennswert", resümiert Zdzislaw Krasnodebski, "dass man die Migranten aus Polen endlich als einen dauerhaften Bestandteil in die bundesrepublikanische Gesellschaft einbezieht, wie etwa die türkische oder die jüdische Minderheit." Denn der deutschen Minderheit in Polen seien viele Rechte – einschließlich der Vertretung im Parlament – eingeräumt worden.


Stand: 28. November 2000