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Bosnischer Außenminister in Wien: "De-Balkanisierung Frage des Überlebens"

Von: Die Presse
Datum: 01.12.00
Uhrzeit: 07:16:39
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News

Jadranko Prlić, Außenminister von Bosnien-Herzegowina, zeigte sich bei einem Vortrag im Rahmen des 6. Wiener Kulturkongresses skeptisch bezüglich der Zukunft seines Landes. In sechs, sieben Jahren könnte Bosnien-Herzegowina wieder den (wirtschaftlichen) Stand erreichen, auf dem man sich zu Beginn der neunziger Jahre - also vor dem Krieg - befand. Das sei aber bereits das optimistische Szenario. Man habe somit in jedem Fall "eine Generation verloren".

Das Referat bildete den ersten Höhepunkt des von der Österreichischen Kulturvereinigung und dem Institut für Wirtschaft und Politik (IWIP) - in Kooperation mit der "Presse" und dem ORF - veranstalteten 6. Wiener Kulturkongresses, der am Mittwoch und Donnerstag im Haus der Industrie in Wien stattfand.

Der jugendlich wirkende, weltläufige Prlić, Kroate, Jahrgang 1959, erscheint wie ein Kontrastprogramm zu dem Bild, das viele sich von seinem Land machen mögen - und das er teilweise selbst zeichnet. Im September 1999 ist Prlić aus der bosnisch-kroatischen Nationalistenpartei HDZ-BIH, einem Ableger der kroatischen Mutterpartei HDZ, ausgetreten: Diese sei "unfähig zur Modernisierung und Demokratisierung". Um Modernisierung und Demokratisierung ist es aber in den Augen des Politikers im ganzen Land nicht besonders gut bestellt.

Die jüngsten Wahlen hätten entsprechende Hoffnungen enttäuscht, man müsse von einem "klaren Rückschritt" sprechen: Serbische und kroatische Nationalisten sind als die führenden Kräfte aus dem Urnengang Mitte November hervorgegangen, nur die Moslems stimmten mehrheitlich für die multiethnisch gestimmten Sozialdemokraten.

Dennoch gibt es laut Prlić zu einer Annäherung Bosniens an die Europäische Union keine Alternative. Notwendig sei ein Prozeß der "De-Balkanisierung und Europäisierung". Dies sei keine freie Entscheidung, sondern schlicht "eine Frage des Überlebens". Auch für Europa selbst fand Prlic kritische Worte: Er warnte vor neuen Trennlinien, die zu weiteren Krisen führen könnten. (...)


Stand: 01. Dezember 2000