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Burgenland: Kroatisch, Kaktus, Kuckuckseier: Landtagsauftakt mit Überraschung

Von: Die Presse, Claudia Dannhauser
Datum: 29.12.00
Uhrzeit: 08:27:47
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Burgenlands SP-Chef Niessl wurde Donnerstag zum neuen Landeshauptmann des Burgenlandes gewählt, nicht mit allen erwarteten Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen.

"Probieren Sie's da drüben einmal": Der Eintritt zur Galerie des Eisenstädter Landhauses ist an diesem Donnerstag ein hürdenvoller Gang. Massen drängen in Richtung der sonst so spärlich besetzten Sitzreihen, jeder Abgeordnete scheint mit der ganzen Verwandtschaft angerückt zu sein. Dabei, so erzählt SP-Chef Hans Niessl, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht Landeshauptmann ist, habe er die meisten seiner Fans auf einen großen Empfang am Freitag vertröstet. Aber auch im Sitzungssaal selbst wird es eng. Ehemalige Abgeordnete, Ex-Bundesräte, Ex-Klubobmänner, wie der Freiheitliche Wolfgang Rauter, alle wollen zusehen.

Nur einer fehlt, Noch-Landeshauptmann Karl Stix (SP). Er genießt seinen Urlaub auf Teneriffa. Mit gehöriger Verspätung nimmt Erwin Schranz (VP), Erster Präsident des alten Landtages, die Sitzung auf und lobt die neuen Abgeordneten an. Schranz muß erklären, daß nicht mehr er, sondern Walter Prior, der SP-Mann, als Erster Präsident zur Wahl steht.

So beginnt der schier endlose Reigen der Wahlgänge im Landtag. Auf ihren Sitzbänken machen die Abgeordneten ihr Kreuz und schreiten dann in die Saalmitte zur Wahlurne - auch Gerhard Jellasitz, der zurückgetretene VP-Obmann, der tags zuvor in der eigenen Partei gegen Schranz für die Nominierung zur Wahl des Zweiten Präsidenten unterlegen ist.

Dann Punkt fünf der Tagesordnung, der eigentliche Höhepunkt, die Wahl des Landeshauptmanns. Ein Akt nicht ohne Worte und Symbole: So meint FP-Chef Stefan Salzl, seine Partei werde demonstrieren, daß sie nicht generell nein sage, aber auch nicht leichtfertig zustimme. Also vier Stimmen gegen Hans Niessl.

VP-Klubchef Franz Glaser spricht vom überraschenden Wahlergebnis - die ÖVP verlor leicht, die FPÖ stark, Grüne und SPÖ legten zu. Dennoch meint Glaser: "Die ÖVP stellt sich nicht in den Schmollwinkel." Also 13 Stimmen für Niessl. Der neue SP-Klubobmann Norbert Darabos mahnt, die Parteien seien nicht gewählt für einen kleinkarierten Streit. Natürlich 17 Stimmen für den SP-Chef.

Und die neue grüne Klubobfrau Grete Krojer freut sich. Sie und ihr Kollege Joško Vlasich seien ein "Signal der Veränderung", das sich schon allein dadurch zeige, daß nicht nur sie beide an diesem Donnerstag kroatisch im Landtag sprachen, sondern auch schon SP-Mann und Ortstafel-Skeptiker Walter Prior. Damit es noch mehr werden, überreicht sie allen Klubobmännern ein Deutsch/Kroatisch-Wörterbuch und einen Kaktus, den Freiheitlichen sogar einen mit Doppelstacheln. Denn: Ganz so bequem wollen die Grünen nicht werden und den Landeshauptmann auch nur wegen der vereinbarten SP-Zugeständnisse wählen. Also zwei Stimmen für Niessl. Macht gesamt 32 für den SP-Chef.

Welch Überraschung, als nach Auszählung der 36 Stimmen dann nur 29 Ja, fünf Nein und zwei ungültig sind. Alsbald hebt ein Rätseln über Kuckuckseier in der ÖVP, Abtrünnige oder Verwirrte in der SPÖ an. Denn auch bei der Wahl ihrer drei Landesräte geschieht der SPÖ ein Mißgeschick: Sie stellt 17 Abgeordnete, nur 16 Stimmen sind dann gültig. Besser geht's da bei der ÖVP, für den neuen Landeshauptmann-Stellvertreter Franz Steindl und ihre zwei Landesräte: 13 Stimmen, 13 gültig. Es herrscht also Verunsicherung, vor allem über die künftigen Gefühle zueinander. Applaudiert wird hauptsächlich den eigenen Parteileuten, nur selten scheren Abgeordnete in SPÖ und ÖVP, am häufigsten noch die beiden Grünen, aus. Der neue Vizelandeshauptmann Steindl hat erst die Lacher auf seiner Seite, als er allen Regierungsmitgliedern einen kleinen schwarzen Rauchfangkehrer überreicht. Zumindest auf der Galerie verspielt er die neue Sympathie aber wieder, als er die rote Nelke, die ihm der neue SP-Finanzlandesrat Helmut Bieler anbietet, ausschlägt.

Schließlich versucht es Neo-Landeshauptmann Niessl noch einmal mit einem Appell: "Gehen wir diesen Weg gemeinsam", rät er und: "Es lebe das Burgenland." Dafür erhält er großen Applaus, selbst von FP-Chef Salzl.


Stand: 29. Dezember 2000