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Das Geheimnis der "weißen Zigeuner"  - Die Sprache der Jenischen stirbt

Von: Neue Ruhr Zeitung/News-Service (eigener Bericht)
Datum: 09.01.01
Uhrzeit: 08:13:19
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News

Forscher sind der Geheimsprache der während der Nazizeit verfemten "weißen Zigeuner" auf der Spur. "Dunkel ist die Herkunft der so genannten Jenischen, vergessen ihr Schicksal, mysteriös ihre Ausdrucksweise", erklärt der Präsident der Internationalen Gesellschaft für Sondersprachenforschung (IGS), Klaus Siewert, in Münster.

Der Begriff "weiße Zigeuner" entstand, weil die Jenischen wegen ihrer Lebensweise irrtümlich mit den Sinti und Roma in Verbindung gebracht wurden. Tatsächlich sind die Jenischen Nachkommen des fahrendes Volkes, das im 18. und 19. Jahrhundert auf den Handelsstraßen Europas unterwegs war. Heute ist die Sprache vor allem in Westösterreich und der Schweiz bekannt.

"Dass sie heute praktisch unsichtbar geworden sind", erklärt Siewert damit, "dass sie sich in der Regel längst mit den Angehörigen der Gegenwelt der Sesshaften, den gatschis, vermischt haben". Heute seien nur noch wenige von ihnen unterwegs, deshalb drohe die Geheimsprache, die ihnen jahrhundertelang Schutz bot, verloren zu gehen. Die Forschergruppe plant, die noch heute existierende Minderheit wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Neben ihrer Geheimsprache entwickelten die Jenischen Geheimzeichen (Zinken), die schon ab dem Mittelalter etwa an Hauswände gekritzelt wurden und für Gesinnungsgenossen Infos enthielten. Außerdem schufen sie laut Siewert ein akustisches Warnsystem: Klopfzeichen. Wenn nötig, heiß es eben: "Noppi gatschi, jenisch baal" - "nicht deutsch, sondern jenisch sprechen". Das Wort jenisch selbst bedeutet klug, gescheit. Zahlreiche Begriffe wie "bommerling" (Apfel), "blattling" (Salat), "härtling (Messer) entstammen dem alten Rotwelschen, andere wie "masematte" (Geschäft), "dinnelo" (Dummkopf) oder "doches" (Hintern) den Zigeunersprachen oder dem Hebräischen.


Stand: 09. Januar 2001