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Frankreich erkennt offiziell den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 an - Österreich zögert

Von: AFP/News-Service (eigener Bericht)
Datum: 22.01.01
Uhrzeit: 09:07:44
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Nach längerer Debatte ist Frankreich nach Belgien und Griechenland das erste große Land Westeuropas, das die Massaker an der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich 1915 als Genozid bezeichnet. Die Nationalversammlung folgenden Text: "Frankreich erkennt offiziell den armenischen Völkermord von 1915 an."

Die Türkei reagierte empört auf diesen Beschluß. Ministerpräsident Bülent Ecevit erklärte: "Dieses Gesetz, das vom türkischen Volk mit großer Enttäuschung aufgenommen wird, wird die türkisch-französischen Beziehungen ernstlich und dauerhaft schädigen und könnte eine schwere Krise auslösen."

Unstrittig ist zwar, dass in den Jahren 1915 bis 1917 die christlichen Armenier im Osmanischen Reich von ihren moslemischen Landsleuten verfolgt, beraubt und ermordet wurden. Aber die Türkei spricht von bis zu 500 000 Armeniern, die bei "bürgerkriegsähnlichen Unruhen" ums Leben gekommen seien - die Armenier hingegen zählen 1,5 Millionen Tote, die Opfer eines "planmäßigen und wohlorganisierten Völkermordes" geworden seien. Mit ihrem Votum hat die französische Nationalversammlung klargemacht, wessen Interpretation sie teilt.

In Österreich diskutiert der Nationalrat seit 1999 einen ähnlichen Antrag der Grünen, konnte sich aber nicht zu einem Beschluß durchringen. ÖVP und FPÖ machten geltend, dass eine Behandlung des Themas derzeit nicht opportun sei und die Ereignisse vor 85 Jahren geschehen wären. Die Vertreter der Grünen und der SPÖ stellten hingegen fest, dass Verletzungen der Menschenrechte kein Ablaufdatum hätten.

Die halbe Million Armenier, die heute in Frankreich lebt, sieht in dem Gesetz eine moralische Stärkung. Die meisten Armenier sind zwar völlig integriert. Aber kaum einer denkt daran, seine Abstammung zu verleugnen: Yuri Djorkaeff, der beim 1. FC Kaiserslautern spielt und dessen Vater die französische Nationalmannschaft trainierte, so wenig wie der Sänger und Schauspieler Charles Aznavour, der sich immer für die Sache seiner Landsleute stark gemacht hatte.

"Die Türken von heute können nicht für Ereignisse verantwortlich gemacht werden, die im Osmanischen Reich geschehen sind", erklärte Aznavour, der seit 1990 "ständiger Botschafter Armeniens bei der Unesco" ist. "Aber wenn die Türkei in die EU aufgenommen werden will, ist es Zeit, dass auch sie einen Schritt tut." Das Europäische Parlament hatte schon 1987 das Schicksal der Armenier im Nahen Osten als "Völkermord im Sinne des Gesetzes für die Bekämpfung des Völkermordes" gekennzeichnet, das die UNO 1948 verabschiedete.

Als Signal an die französischen Armenier im Vorfeld der Kommunalwahlen könnte sich das Gesetz zwar für die Regierung auszahlen. Doch wirtschaftlich und politisch könnten die Folgen für Paris sehr abträglich sein. Frankreich ist nicht nur der fünftgrößte Handelspartner der Türkei. Auch die Wirkung auf die Partner im Nahen Osten ist unklar: Die meisten lehnen die Resolution ab. Die US-Regierung hatte im Oktober einen vergleichbaren Vorstoß des Repräsentantenhaues abgeblockt, um die strategisch wichtigen Beziehungen mit der Türkei nicht zu gefährden.


Stand: 22. Januar 2001